Download.jpg

Prof. Dr. Winfried Hardinghaus über die Möglichkeiten der Palliativmedizin in der Diskussion über Sterbehilfe

· »Wir haben gute Möglichkeiten, Leiden zu nehmen und zu lindern«
Prof. Dr. Winfried Hardinghaus, Chefarzt der Klinik für Palliativmedizin.

Nicht nur in Deutschland, auch in Österreich hat jetzt das oberste Gericht die Suizidbeihilfe für zulässig erklärt. Für Prof. Dr. Winfried Hardinghaus, Chefarzt der Klinik für Palliativmedizin, ist das eine bedenkliche Entwicklung. Der wiedergewählte Vorsitzende des Deutschen Palliativ- und Hospizverbandes sagt: »Hilfe zur Selbsttötung ist nicht erforderlich und gesellschaftlich gefährlich. Wir Mediziner und die Teams, die Schwer- und Schwerstkranke begleiten, haben heute gute Möglichkeiten, Leiden zu nehmen und zu lindern.«

Nach Auffassung von Hardinghaus ist es die Aufgabe der in den Hospiz- und Palliativeinrichtungen tätigen Menschen, in den letzten Tagen oder Wochen eines Lebens Zuneigung, Liebe und Wärme zu vermitteln. »Unsere Patienten sollen an unserer Hand sterben, nicht durch unsere Hand«, betont er. Er selbst kenne aus seiner über 25jährigen beruflichen Laufbahn als Palliativmediziner »keinen einzigen Fall, in dem wir nicht ausreichend Schmerzen lindern konnten. Daher benötigen wir keine Aktionen der Suizidbeihilfe. Mit den heutigen Methoden der Palliativmedizin inklusive der menschlichen Begleitung, die das Allerwichtigste ist, bekomme ich wirklich jeden schmerzfrei.«

Hardinghaus befürchtet, dass sich zunehmend alte und schwerstkranke Menschen unter Druck gesetzt fühlen, einer Sterbehilfe zuzustimmen. »Sie wollen ihren Angehörigen nicht zur Last fallen und entscheiden sich dann für diesen Weg. Wenn sich ein solches gesellschaftliches Klima durchsetzt, wird der Wert des menschlichen Lebens nur auf seine Funktionalität und seinen Nutzen reduziert«, kritisiert Hardinghaus. Und weiter: »Die Angst, die Kontrolle über das eigene Leben zu verlieren, ist verständlich. Aber sie hat auch viel damit zu tun, dass wir den Tod tabuisieren und ausklammern, anstatt ihn als elementaren Teil des Lebens anzuerkennen.«

Rechtzeitig Patientenverfügung anfertigen

Hardinghaus appelliert daran, sich mit dem Sterben rechtzeitig auseinanderzusetzen und eine Patientenverfügung anzufertigen. »Darin kann man den eigenen Willen festhalten für den Fall, sich nicht mehr selbst äußern zu können«, erläutert er, »und man kann sehr detailliert, auch nach rechtzeitiger professioneller Beratung, bestimmen, welche lebenserhaltenden Maßnahmen im Falle einer Entscheidungsunfähigkeit bei einer lebenslimittierenden Schwersterkrankung, nach einem Unfall mit irreparabler Hirnschädigung oder im Sterbeprozess noch eingeleitet werden sollen und welche nicht. Ich kann nur jedem Menschen raten, von dieser Möglichkeit Gebrauch zu machen.«

Auch in der jetzigen Corona-Pandemie können die Mitarbeitenden der Klinik für Palliativmedizin sich sehr gut um ihre Patienten kümmern. »Wir haben ein sehr gutes Hygienekonzept und daher hat sich für die Menschen, die sich uns anvertraut haben, für die letzte Zeit ihres Lebens, wenig verändert. Sie haben wie die Angehörigen überwiegend großes Verständnis dafür, dass maximal zwei Personen pro Tag und maximal zwei Personen gleichzeitig zu Besuch kommen können«, erläutert Hardinghaus.

Prof. Hardinghaus ist seit 2015 Chefarzt der Klinik für Palliativmedizin des Franziskus-Krankenhauses Berlin. Er gründete 1994 die ehrenamtlich wirkende Palliativ- und Hospizinitiative Spes Viva (lebendige Hoffnung), die auf der Grundlage einer humanen Sterbebegleitung die Situation Sterbender und ihrer Angehörigen verbessern will. Zahlreiche Krankenhäuser haben das Modell danach übernommen. Für seine Verdienste verlieh ihm 2016 der damalige Bundespräsident Joachim Gauck das Bundesverdienstkreuz 1. Klasse.

 Dem Deutschen Hospiz- und Palliativverband (DHPV), seit 1992 die bundesweite Interessenvertretung der Hospizbewegung sowie zahlreicher Hospiz- und Palliativeinrichtungen in Deutschland, steht Hardinghaus seit 2014 vor. Als Dachverband der Landesverbände in den 16 Bundesländern sowie weiterer überregionaler Organisationen der Hospiz- und Palliativarbeit steht er für über 1.250 Hospiz- und Palliativdienste und -einrichtungen, in denen sich mehr als 120.000 Menschen ehrenamtlich und hauptamtlich engagieren. 

Pressekontakt